13.10.2015 – 10:45 Uhr

Das Erste, was man natürlich nicht tun sollte, habe ich, neugierig wie ich bin, selbstverständlich getan.

Das gesamte Internet nach Erfahrungsberichten zum Thema Vollnarkose abgegrast. Das, was man verhindern sollte, wenn man eh schon aufgeregt ist, trat bei mir selbstverständlich ein. Ich habe eine scheiß Angst.

Ich las Horrorberichte über die Unverträglichkeit des Narkosemittels, über das Übergeben nach dem Aufwachen. Die Ärzte noch im Hinterkopf zu haben mit ihren Aufklärungen und den Worst-Case-Szenarien helfen mir auch nicht wirklich.

Das, was mir eigentlich am meisten Angst macht, ist, keine Kontrolle darüber zu haben was passiert. Ich würde es eher bevorzugen nur halb betäubt zu sein, damit ich wenigstens da bin und wenigstens ETWAS Kontrolle habe. Ich kriege Panik bei dem Gedanken, dass ich betäubt werde und einfach weg bin und schwupps bin ich wieder wach und alles ist gelaufen, ohne dass ich es mitgekriegt habe.

Auch der Gedanke, dass mir nach dem Aufwachen so schwindelig und schlecht ist, dass ich mich übergeben muss, macht mir Angst. Was ist, wenn keine Schwester bei mir ist, die mich überwacht? Was passiert, wenn ich mich übergeben muss, aber ich und meine Körperfunktionen noch nicht richtig da sind, es niemand sieht und ich an meinem Erbrochenen ersticke?

Der Hunger ist auch so eine Sache. Ich. Die, die nie nein zu Essen sagt. Die, die morgens aufwacht und direkt was essen kann. Die sitzt jetzt hier, der Magen knurrt und die O.P. ist erst in ein paar Stunden. Aber na gut, ärztliche Anweisung, sicher ist sicher. 6 Stunden vor der O.P. darf man nichts essen und höchstens 2 Gläser stilles Wasser trinken. Tooooll. Solange ich noch zu Hause bin, lenke ich mich mit „Breaking Bad“ ab. Danke Netflix, du warst eine sehr gute Entscheidung.

13:15 Uhr

Das Warten im Wartezimmer ist, wie ich es erwartet habe, die Hölle. Ich bin so aufgeregt, dass ich bestimmt zum 180ten Mal schon meine Nägel angucke, mit meinen Händen herumspiele. Niemand außer mir sitzt im Wartezimmer, hätten sie ein Willkommensschild aufgehangen, hätte ich ihnen abgekauft, dass sie nur für mich heute geöffnet haben. Ich laufe etwas im Krankenhaus herum, um mich abzulenken, helfen tut es nicht. Ich weiß ich muss eh wieder zurück in dieses beschissene Wartezimmer, das gefüllt ist mit unangenehmer, bedrückter, angespannter Stimmung. Ich fühle mich wie damals in der Schule im Matheunterricht. Du hoffst, dass du nicht an die Tafel kommst, schaust auf den Boden, weißt aber, dass es bald so sein wird.

Bald wird dein Name aufgerufen. Ganz bald.

15 Minuten später entscheide ich mich um, meine Angst in Freude umzuwandeln. Endlich ist es soweit! Endlich keine schlaflosen Nächte mehr, wo ich mitten in der Nacht mit Herzrasen aufwache, weil ich weiß, dass der O.P.-Termin bald ansteht. Bald habe ich es hinter mir und geschafft! Bald wird es mir wieder besser gehen! Bald kann ich endlich wieder zum Sport gehen. Mal schauen wie lange ich die Euphorie gegen die Angst eintauschen kann..

Es hat nicht lange angehalten. Ich habe wieder Angst, die Stimmung im Krankenhaus ist so ernst. Als würdest du gerade die Sicherung für deinen Bungeesprung umgelegt kriegen. Du weißt es geht bald los. Gedanken wie: Was, wenn es Komplikationen gibt ? Was, wenn ich mitten in der O.P. aufwache ? Was, wenn sie mich zu wenig betäuben und ich alles mitkriege? Irgendein Spinner pfeift lauthals durch das Krankenhaus, ich bin vor lauter Anspannung so genervt, dass ich rufe:,,Ich liebe es ja, wenn Menschen so laut pfeifen !!“.

14:30 Uhr

Kurze Zeit später, die ungewollte Schwester mit ihrem „Soo…“. Trotz Aufregung bin ich irgendwie auch froh, dass es losgeht, die zweite Base geschafft sozusagen. Sie führt mich zu meinem Krankenbett, auf dem schon wunderschöne sterile Krankenhauskleidung auf mich wartet. Ja, das typische arschfreie Hemd und eine wunderschöne Unterhose, die aussieht wie selbstgehäkelt. Ich hebe das Teil an und frage:,,Das ist eine Unterhose?“, sie öffnet sie für mich, aus mir kommt nur ein peinlich berührtes:,,Ahhh….“. Es sah ehrlich gesagt aus wie ein Stirnband.

Gut, dass Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten ein gutes Händchen für Menschen haben, bzw in der Laufzeit ihrer Karriere entwickeln, denn anscheinend hat man mir angemerkt, dass ich extrem angespannt und nervös war. Ich bekam ein Beruhigungsmittel in Form einer kleinen Tablette – praise the lord! Anders als im Internet in anderen Erfahrungsberichten gelesen, war ich nicht leicht erheitert. Ich war einfach nur ruhiger, die Augen wurden kleiner, so minimal als wäre man auf Droge. Ich entspannte mich und sah an die Decke auf die Lüftung über mir. Ich wies meine Begleitung mit ausgestrecktem Finger darauf hin, dass jetzt auch weiße Streifen zwischen den schwarzen Lüftungsstreifen zu sehen waren.

Die Antwort, die ich bekam war: Ich wurde ausgelacht.

Das war für mich ein klarer Fall von:,,Ok. Die Tablette wirkt anscheinend.“

Auf einmal Black Out. Ich mache die Augen auf und sage:,,Bin ich gerade eingeschlafen??“, meine Begleitung antwortet:,,Ja, 15-20 Minuten circa, ich habe dich eben noch angeguckt und meinte zu dir:,,Mach die Augen zu, wenn du müde bist und dann warst du weg.““. Ich antworte schockiert:,,NIEMALS! Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, dass ich mit dir geredet habe, krass. Scheinen ja gute Beruhigungstabletten zu sein.“

Kurze Zeit später kam die Schwester. Es ging los. Ich wurde um 15:20 Uhr Richtung O.P. geschoben.

15:30 Uhr

Jetzt war ich alleine.

Ich zitterte als hätte man mich in Russland bei -40 Grad in irgendeinen Tümpel geschmissen und mich wieder an das eisige Land gezogen um zu „trocknen“ – UNGELOGEN. Ich fragte noch den Arzt:,,Ist das normal? Kann das sein, dass das die Nebenwirkungen der Beruhigungstablette sind?“, Er:,,Nee, das ist, so wie es aussieht, die Angst.“. Ich war von mir selbst schockiert. Ich konnte nicht stillhalten. Das Klischee von Tatjana hat sich natürlich dann auch wieder erfüllt. Immer wenn ich angespannt bin, stelle ich noch mal zur Sicherheit 100 Fragen. Ich habe den Arzt gefragt, ob er auch weiß um was für eine O.P es sich handelt, wie lange die Narkose andauert etc.. Jetzt sollte die Kanüle gelegt werden. Mein Gesicht verzog sich in ein „not amused“-Gesicht. Ich wusste, das war der Piek, von dem alle meinten, dass er wehtut, weil die Kanüle ja so dick ist. Panik, Panik. Ich reichte ihm meine Hand, mit einem „Komm, mach jetzt einfach schnell“-Gesicht, aber er meinte:,,Nee nee, geben Sie mir mal ihren Arm.“, ich verwundert, weil ich es hasse, wenn etwas in einer Angstsituation nicht nach Plan verläuft, so wie man es mir eigentlich erklärt hatte:“Aber die kriegt man doch in die Hand dachte ich?!“. Er antwortet:,,Die Kanüle in die Hand kriegen nur Patienten, die mir unsympathisch sind.“. SEHR SYMPATHISCH. Da wusste jemand wie man mit Angstpatienten umgeht. Ich habe daraufhin nur gelächelt und einmal tief eingeatmet, als er mir die Kanüle in den Arm stach. Das war echt nicht schlimm. An alle, die Spritzen genauso wenig mögen wie ich, das Ein- oder Ausatmen ist echt ein guter Tipp. Das hilft mir immer. Der andere Arzt sagt noch:,,So jetzt kriegen Sie noch so ein schickes Hütchen auf.“ und dann ging es richtig los.

Ich wurde in den O.P.-Saal geschoben und da waren sie. Diese riesigen Lichter, wo alle meinten:,,Du siehst nur noch diese riesigen Lichter über dir und die Ärzte in ihren grünen Kitteln.“ uhuuhuuuu, schaurig. Nur, dass ich reingeschoben wurde und diese Lichter noch nicht mal richtig ausgerichtet waren, dementsprechend mir auch nicht Hollywood-like in das Gesicht gestrahlt haben und ich auch keine schemenhaften Gestalten in grünen Kitteln über mir sah. Denn die Ärzte waren damit beschäftigt alles vorzubereiten. Ein junger Arzt stand immer neben mir, um mich zu beruhigen, hat meinen Arm gestreichelt, der war dann aber auch auf einmal hinter mir verschwunden. Ich habe dann ins Leere gefragt:,,Ist das Narkosemittel schon drin?“, keine Antwort, nicht mal von der Schwester, die gerade vor mir vorbeiläuft. Ich dachte:,,Ok. Du hast zu leise geredet.“, ich also noch mal:,,Ist das Narkosemittel schon drin?“

Und ab diesem Punkt Cut.

16:15 Uhr

Ich wache auf und fange direkt an zu weinen. Ich bedanke mich unter Tränen mehrfach bei der Schwester, die mich gerade wieder auf die Station schiebt. Ich wusste, ich habe es geschafft. Ich habe es endlich hinter mir. Ich sehe auch schon meine Begleitung, die sofort zu mir kommt, leicht verängstigt, weil ich weine. Bis ich erkläre, dass ich einfach froh bin, dass ich es hinter mir habe. Wahrscheinlich habe ich auch geweint, weil die ganze Anspannung von mir abgefallen ist.

Ich werde in ein kleines Abteil mit Vorhängen gefahren, um in Ruhe richtig wach zu werden. Ich habe immer noch extremen Schüttelfrost. Bestimmt 10 Minuten lang, bis es schlagartig aufhört. Dass das passieren kann, ist allerdings normal nach einer Vollnarkose. Das wissen auch viele nicht. Das Erste was ich frage, TYPISCH TATJANA:,,Kann ich was essen?“ und das habe ich dann auch getan. Ich hatte mir natürlich alles vorher mitgenommen. Wofür ich auch sehr dankbar sein kann, ist, dass nur eine andere Patientin mit mir auf Station zwischen diesen Vorhängen lag. Es war einfach so angenehm ruhig. Kein Herumgeplärre von Kindern oder Geschrei und Herumgewusel von Ärzten à la Grey’s Anatomy.

17:00 Uhr

Die Schwester fragt, wie es mir geht, kommt rein und sagt:,,Ach mensch, Sie sehen aber wieder gut aus, haben Sie auch schon was gegessen, getrunken?“. Würde sie mich kennen, hätte sie diese Frage niemals gestellt haha. Sie fordert mich auf mich langsam hinzusetzen und aufzustehen, ein bisschen herumzulaufen. Klappt alles super. Wie ein neugeborenes Reh fühle ich mich nicht, aber minimal wackelig sind die Knie doch noch. Als die Schwester sieht, dass alles super funktioniert, darf ich mir endlich wieder meine Klamotten anziehen. Tschüss Po-freies Hemd! Als die Schwester mein Bett abzieht, fragt sie mich lachend:,,Na, wie viele Decken hatten Sie denn? Mein Wäschekorb ist gleich voll!“ Ich antworte ihr ebenfalls lachend:,,Wissen Sie, jeder kriegt EINE Decke, aber nee. Ich muss gleich 3 haben!“. Anscheinend hat man mir nach der O.P. noch 2 weitere Decken gegeben, denn ich wurde nur mit 1 Decke hineingefahren.

17:30 Uhr

Das Taxi kommt, ich bedanke mich noch mal bei der super lieben Schwester und wir fahren nach Hause.

Fazit

Ich bin überrascht und schockiert wie gut alles verlaufen ist. Ernsthaft. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe das alles noch vor mir, weil ich mir denke, dass es das doch noch nicht gewesen sein kann. Aber doch das war es. Jetzt ist es schon 1 Tag her und ich habe es geschafft und nein, all das, was mir erzählt worden ist und was ich im Internet alles an Erfahrungsberichten gelesen habe , traf bei mir NICHT zu.

Angefangen von der Nadel in der Hand, wo der Stich wehtut, weil die Nadel ja so dick ist, über das Hollywood-Thriller-ähnliche „im O.P. nur noch die grellen Lichter und Gestalten in grünen Kitteln sehen“, genauso wenig wie das, aus Erzählungen gehörte, langsame Wirken des Narkosemittels. Wie es kalt durch den Arm läuft, man merkt wie das Herz schneller schlägt, einem warm wird und man von 10 herunter zählen soll. Bis hin zu dem „noch während der O.P. wach werden“. NICHTS. Ich habe nicht mal gemerkt, dass es losgeht, da war ich schon weg. Eine Tatsache, über die ich jedes Mal wieder so lachen muss! Ich denke nämlich, die Ärzte haben mich im Endeffekt verarscht, weil sie gesehen hatten wie verängstigt ich war. Sie haben es alles hinter meinem Rücken so geplant, dass ich einfach weg war und mir der Rest erspart wurde. Sogar über die Krankenschwester, die mir einfach nicht geantwortet hat, muss ich mittlerweile so feiern, denn eigentlich ist es unverschämt einem Patienten in so einer Situation nicht zu antworten, da es aber alles so geplant war, dass ich einfach weg sein sollte, ohne dass ich vorher noch mal groß panisch werden konnte, perfekt reagiert! Deswegen standen wahrscheinlich auch alle hinter mir, damit sie da ihr Ding durchziehen konnten, ohne dass ich etwas mitkriege. Herrlich! Wirklich. Das war ein perfektes Zusammenspiel der Ärzte und besser hätten sie es für mich nicht gestalten können, so etwas Ausgeklügeltes verdient echt Lob und Respekt!

Als letzter Tipp: Natürlich ist jeder Mensch anders und man kann nie sagen:,,Bei dir wird es genauso verlaufen wie bei mir!“, ABER lasst diese scheiß Internet Horrorgeschichten Horrorgeschichten sein! Das sind für mich Menschen, die wahrscheinlich immer zu Übertreibungen neigen und im real life so wenig Aufmerksamkeit kriegen, dass sie sich irgendwie so aus der Masse hervorheben wollen.

Glaubt mir! Ich kann es jetzt aus eigener Erfahrung sagen: ALLES. WIRD. GUT.

LOVE, Tatjana

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